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THONET Kaffeehausstuhl Nr. 18


Zustand:

Aus dem Sperrmüll gezogene, regennasse Fundstücke mit Wasserschäden konnten zu 2 Kaffeehausstühlen komplettiert werden - Im Thonet-Katalog ist ein der Form nach identisches Möbel unter der Nummer 18 aufgeführt, ein beliebtes Design von A. Thonet aus dem Jahr 1876.

Wasserschäden zeigen sich an Bugholzmöbeln durch Aufplatzen der Fasern an den stark gebogenen Teilen der Lehnen und durch Aufgehen der Knochenleimverbindungen an den kreisrunden Elementen wie Sitzrahmen und Fussreifen. Der dick aufgetragene Lack bot in diesem Fall noch einigen Schutz vor dem gänzlichen Verderben. Er ist sehr spröde und löst sich schuppig. Das Bugholz zeigt auch Quellschäden. Leimfugen haben sich teilweise gelockert, wodurch sich das Bugholz stark deformiert hat. Zusätzlich ist ein Fussreifen durch Überbeanspruchung an allen Verschraubungsstellen abgerissen. Das originale Wiener Geflecht ist bei einem Sitz komplett zerstört, beim zweiten müssen 20% erneuert werden. Ein Teil der Schraubverbindungen ist ausgerissen.

Konstruktion:

Der Stuhl besteht aus 6 miteinander verschraubten Bugholzteilen:

Parts of THONET number 18


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Herkunft und Alter:

Kaffeehausstühle in Bugholz (bent wood) werden seit 150 Jahren in hohen Millionenauflagen bis zum heutigen Tag von Thonet und diversen Mitkonkurrenten hergestellt. Das Original des Wiener Kaffeehausstuhls (Abb. links) ist identifizierbar am Schlagstempel "Thonet". Die Sitzrahmen beider Fundstücke weisen aber keine Stempelmarken auf, somit stellen die Stücke keine alten Exemplare dar.

An einem der Sitzrahmen findet sich innen ein vergilbter Zettelrest, der Aufschluss über den Hersteller gibt. Er trägt die Aufschrift "ZPM RADOMSK[O]", von der sechsstelligen Seriennummer sind die ersten drei Ziffern "101..." noch vorhanden. Dieser Zettelrest hilft beim Identifizieren des Möbels, weist er doch auf die von den Gebrüdern Thonet gegründete Fabrikation im polnischen Novo-Radomsk bei Tchenstochau hin. Die Fabrikation dort begann ab 1881 und erreichte zwischen 1900 und 1930 ihren Höhepunkt, unterbrochen durch die Kriegsjahre, in denen die Stuhlfabrikation ganz zum Erliegen kam. Nach 1945 wurde die Bugholzmöbelfabrik (Fabryca Mebli Gietych, später: FAMEG) verstaatlicht und produzierte auf den alten Thonet-Werkzeugen in nachlassender Qualität weiter - ohne dass von einer Lizenz-Fabrikation für die in der BRD ansässigen Thonet GmbH (Frankenberg) die Rede sein könnte.

In einigen Merkmalen weichen diese Stücke von den frühen Thonet-Stühlen ab:

Der Werkszettel belegt, dass die Fundstücke frühestens mit der Wiederaufnahme der Produktion in der Zeit nach 1945 unter staatlicher Leitung entstanden sein können. Die Serialnummer in einem Nummernkreis größer 100.000 deutet allerdings auf ein wesentlich späteres Jahr, vermutlich in den sechziger Jahren hin.

Thonet_nr_18

Abb. links: frühes Thonet Original - Abb. Mitte: Fabrikation Radomsk - Abb. rechts: Fabrikation Radomsk, abweichende Lehnenvariante, beide im aufgearbeiteten Zustand.

Im Jahr 1961 brachte auch IKEA unter dem Namen ÖGLA (schwed.: "Schlaufe") einen von FAMEG in hoher Auflage hergestellten Stuhl mit glatter Sperrholzsitzfläche als Zitat des Thonet Nr. 18 heraus (Design Gillis Lundgren), den der Kunde als flat pack (siehe Abb.) kaufen und selbst aufbauen mußte. Massenfabrikation zu einem attraktiven Preis und in bunten Lackierungen machten das demokratic design des Kaffeehausstuhls wiederum zu einem Bestseller. Die ÖGLA-Stühle hatten neben dem IKEA-Aufkleber auch einen Werkszettel von ZPO Radomsko unter dem Sitz.

ÖGLA flat pack

Die aufgearbeiteten Stücke sind zwar auch nach der Aufarbeitung kaum von materiellem Wert. An ihnen läßt sich aber bis ins Detail die Entwicklung eines spätbiedermeierlichen Stuhldesigns zur Nachkriegsmassenware des 20. Jh. nachvollziehen.

Maße:

Nr. 18 Fabrikation Radomsk: Höhe 88 cm - Breite 41 mm - Tiefe 49 cm Sitzhöhe 45

Literatur:

BANGERT, A.: Thonet Möbel. Bugholz-Klassiker von 1830 bis 1930. Heyne, München 1997, ISBN 3-453-13047-2

MILLER, Bruce W. , WIDENESS, Jim: Das Buch vom Stuhlgeflecht. Th. Schäfer, Hannover 2005

THILLMANN, W., WILLSCHEID, B.: MöbelDesign - Roentgen, Thonet und die Moderne, Roentgen Museum Neuwied, Neuwied 2011, ISBN 978-3-9809797-9-5

 

 

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