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Abraham Roentgen: Walderdorff Schatulle (ca 1755-58)

 

Mittelrhein-Museum, Koblenz, Inventarnummer Kg 6014

beschrieben und abgebildet u.a. in:

BÜTTNER et al.: [Hrsg.] 2007, S.159, Abb. 15.4 (Farbphotographie neueren Datums)
FABIAN, D.: 1986, SW-Abb. 659f, S. 282
GREBER, J.: 1980, Abb. 109
HUTH, H.: 1974, Abb. 192f., S.193

Präsentation in Ausstellungen:

"Extravagant inventions: The Princely Furniture of the Roentgens", Metropolitan Museum of Art, New York, Oct 2012 - Jan 2013; Abb. im gleichnam. Katalog (W. KOEPPE, 2012, S. 55)
Edle Möbel für Höchste Kreise - Roentgens Meisterwerke für Europas Höfe, Neuwied 2007

 

Herkunft und Datierung

Kästchen waren spätestens seit der Hamburger Lotterie von 1769, wo nicht weniger als 42 unter den 100 Preisen aufgeboten wurden, der Bestseller der Roentgen Manufaktur und zu etwa 6-8 Dukaten das Stück auch für bürgerliche Kreise noch erschwinglich (die heutigen Preise bewegen sich im Kunsthandel zwischen 6.000 und 40.000 €). D. FABIAN, 1986 nimmt an, dass mehr als 100 Schatullen und Kästchen hergestellt wurden, von denen bis heute nur noch ein Bruchteil nachgewiesen werden kann (S. 280). Die Mehrzahl diente wohl der profanen Verwendung als Vorratsbehältnis für Tee, einem damals kostbaren Getränk.

Das reich gezierte Kästchen des Mittelrhein-Museums befand sich einst im Besitz des kunstsinnigen Trierer Kurfürsten und Erzbischofs Johann Philipp von Walderdorff (1701-1769), der neben weiteren Schatullen eine Reihe repräsentativer Schreib- und Sitzmöbel aus der Roentgen-Werkstatt zur prunkvollen Ausstattung seiner Residenzen und Schlösser in Trier, Wittlich, Engers und Koblenz besaß; es gehört heute zum Inventar des Mittelrhein Museums, Koblenz.

Nach seiner Ausbildung in der väterlichen Werkstatt reiste Abraham Roentgen zur Vervollkommnung seines Könnens ab 1731 durch die Niederlande und erreichte England um 1733, wo er in London als journeyman bei namhaften englischen cabinet-makers wie William Gomm und zuletzt John Channon arbeitete. Zusammen mit dem deutschstämmiger Kabinettmacher und Glaubensbruder Johann Friedrich Hintz (1711-1772) kehrte er 1738 zurück. Nach Zwischenstationen in den Glaubensbruderschaften von Marienborn und Herrnhaag (Wetterau, 1742) begann er ab Oktober 1750 den Aufbau der Manufaktur in Neuwied. Erste bedeutende Kunden der neugegründeten Manufaktur aus der näheren Region waren Alexander Graf zu Wied und vor allem Johann Philipp von Walderdorff, dem 1756 die Erzbischofswürde verliehen wurde. Während der Großteil der von ihm erworbenen Stücke zwischen 1760 und 1768 in Auftrag gegeben wurde, handelt es sich bei der Schatulle um eine frühe Arbeit (Datierungen in der neueren Literatur: um 1755, vgl. zuletzt U. WEBER-WOELK 2007, ca. 1756-58 vgl. W. KOEPPE, 2012).

Erscheinungsbild

Thomas Chippendales Director von 1754 enthielt Muster für tea chests, deren Formen von zeitgenössischen englischen Kabinettmachern in exquisiter Ausführung umgesetzt wurden. In der äußeren Gestalt ähnlich, aber unterschiedlich in der inneren Ausgestaltung, konnten diese Modelle mal als tea chests, mal als cloths chest oder Schmuckkästchen angeboten werden. Bei der Walderdorff-Schatulle handelt es sich um den letztgenannten Typ einer Privatschatulle zur mobilen Aufbewahrung von Geld, Schmuck, Schlüsseln, Petschaften und persönlichen Schriftstücken. Sie konnte mit ihren geringen Abmessungen in einem größeren Möbel bewahrt werden, um sie dem Blick und Zugriff Unbefugter zu entziehen.

Das Design wird geprägt durch die barocke Schweifung des Korpus und den Wechsel bauchiger und hohlkehliger Formen in Sockel und Deckel, durch die reiche Verwendung von gravierten Messing-, Perlmutt- und Beineinlagen sowie von geometrischen Mustern bei den furnierten Flächen. Die Gravuren in Messing-und Beineinlagen sind typisch für frühe Arbeiten von Abraham Roentgen und gehen auf englische (u.a. William Gomm) und flämische Vorbilder zurück, die Abraham Roentgen auf seinen Reisen durch die Niederlande und England zwischen 1731 und 1738 kennengelernt hatte.

schatulle deckel

Korpusflächen und Deckeloberseite sind im "Rautenmuster erster Ordnung" (GREBER) in Palisanderholz gearbeitet, ein häufig eingesetztes Dekor, das sich in abgewandelter Form (Raute mit Gitterwerk kombiniert) auch an einer Reihe größerer Möbel aus dieser Zeit wiederfindet (siehe etwa eine der Schreibkommoden Walderdorffs, heute Reiss-Museum Mannheim (REM), Inv.nr L 470, um 1760; vgl. SWOBODA, 1981, S. 26f. Abb. 11a-d). Die Flächen sind von einem Messingfaden und einem Querfurnierstreifen umrahmt, die Seitenkanten angefast und mit Messing ausgeschlagen. Der englische Messinggriff wiederholt im Kleinen den Konturwechsel von konkaven und konvexen Schwüngen des Kästchens.

Die Schatulle hat ein graviertes Schlüsselschild, bei dem eine kleine Tür das Schlüsselloch versteckt. Dieses Türchen öffnet sich per Knopfdruck an der Korpusunterseite. Details siehe unter Schließmechanismus.

Schlüsselschild

Gelingt es, das kleine quadratische Türchen zu öffnen und die Schatulle mittels Schlüssel zu entriegeln, zeigt sich eine schmucklose Deckelinnenseite, bei der die sechseckigen Muttern der Griffbefestigung sichtbar sind. Zwei unscheinbare Bohrungen (4 mm) an den unteren, seitlichen Deckelinnenrändern lassen vermuten, dass im Deckel noch eine Abdeckung angebracht war, die aufgeklappt werden konnte und zusätzlichen versteckten Stauraum bot. Hierzu finden sich aber keine Belege in der Literatur. Der am Deckel montierte Griff ist auch an anderen frühen Schatullen der Roentgenwerkstatt zu finden und (vgl. WERWEIN in BRACHERT, 1986, S. 145) entstammt englischer Fertigung.

Das Innere enthält ein offenes, herausnehmbares Kästchen aus etwa 5 mm dünnem Kirschholz mit einigen Einteilungen unterschiedlicher Tiefe. Nimmt man es heraus, findet man am Boden der Schatulle eine Aufteilung in 4 weitere flache Fächer, die sich als Münzfächer eignen.

Innenkaestchen

Am oberen mit Messing beschlagenen Rand der rechten Korpusseite ist eine kleine rechteckige Taste aus Messing eingelassen. Drückt man diese, wird eine vorgespannte Feder freigegeben und ein flaches Geheimfach springt ein Stück aus dem rechten Sockel heraus (siehe Rißzeichnung Schließmechanismus). Es eignet sich der Form nach zum Aufbewahren kleinerer Schriftstücke oder Briefe.

Diese beschriebenen Schließmechanismen lassen sich beim Großteil der erhaltenen Roentgen-Schatullen ab 1750 nachweisen. Auch die meist seitlich, seltener nach vorn aufspringende Geheimschublade geht auf englische Tea caddies zurück. Sie diente ursprünglich der schlichten Aufbewahrung des Teesiebs oder von Teelöffeln (vgl. GILBERT, 1993, S. 124, Abb. 167, 168)

Die forme bombé für den Korpus ist bei den englischen Vorbildern häufiger anzutreffen (vgl. tea chests 128, 129 von Th. CHIPPENDALE 1754), wird in der Roentgenmanufaktur in den frühen Jahren aber nur selten, in den siebziger Jahren nicht mehr verwendet. Vorherrschend ist die ebene Korpusfläche, die der kleinteiligen Marqueterie en mosaique optimale Unterlage bietet. Um auch die flache Deckeloberseite als augenfällige Marqueteriefläche nutzen zu können, verschwindet der Deckelgriff ganz oder wird auf die Seiten verlagert. Der verjüngte, zurückspringende Deckel in der Form eines Pagodendaches (ähnlich bell top bei den englischen tea caddies) ist dagegen auch in späteren Produktionsjahren unter Leitung von David Roentgen häufig an Kästchen verwendet worden - im modischen Blumen-und Bänder-Dekor der 1770er Jahre - z. B. an Kästchen aus 1775 (u.a. Kreismuseum Neuwied, Inventarnummer 585) und 1780 (Kölnisches Stadtmuseum). Auch an den klassizistischen Großmöbeln der Spätzeit kommt diese Form noch vor (Mahagoni-Schreibsekretär von 1790, heute ebenfalls Kreismuseum Neuwied).

 

Konstruktion:


Der Korpus ist ein auf Gehrung aus einem geschweiften Massivholzprofil zusammengeleimter Kasten mit eingefalztem Boden. Der Deckel ist ebenso gearbeitet, zusätzlich ist hier das Profil für den Hohlkehl auch auf der Innenseite unten profiliert, möglicherweise, um eine Klappe (die heute fehlt) einzufügen. Das rechte Sockelprofil bildet das Vorderstück für den flach gehaltenen Schubkasten, dessen übrigen Teile genutet sind. Die Abbildung zeigt den Innenkasten mit verzinkten Eckverbindungen, eingegrateten Zwischenwänden und eingenutetem Boden. Für alle konstruktiven Teile wurde Kirschholz mit stehenden Jahresringen genutzt, ausgenommen die Schubladenseiten, die aus Apfelholz zu bestehen scheinen. Auf das Blindholz sind Sägefurniere aus verschiedenen Edelhölzern aufgeleimt, so Rio-Palisander für das Rautenmosaik.

 

brand Kopie

Der handgefertigte Nachbau stimmt in den Maßen weitestgehend mit dem Original überein, zeigt jedoch einige Abweichungen in den verwendeten Materialien und den dekorativen Elementen:

Messingblech zur Verkleidung von Profilen wurde sparsamer verwendet. Auf die Verkleidung des oberen Korpusrands und der unteren Sockelleiste wurde zugunsten Massivholzprofilen verzichtet. (vgl. die frühe Teeschatulle um 1750, Bad. Landesmuseum Karlsruhe, Inv.Nr. 90/6 in ähnlicher Messingzier). Messingblechapplikationen wurden in Form geschlagen und geklebt, nicht wie im Original genagelt oder mit Zinn verlötet, um unschöne Verbindungsstellen zu vermeiden.

Die gemischte Verwendung von Bein, Perlmutt und Messing wurde reduziert. So fehlt die gravierte Bein-Perlmutt-Einlage (antike Büste) auf dem Deckel ebenso wie die Perlmutt- und Messingblüten um das gravierte Schlüsselschild.

Durch die Verwendung anderer Edelhölzer - Mahagoni-Messerfurnier statt gesägtem Rio-Palisander für das Rautenmosaik und Mirabellen-Kernholz statt Tulpen-/Veilchenholz für die querfurnierten Randstreifen - ergibt sich ein abweichender Farbton. Je nach Lichteinfall changiert das Dekor durch den Goldspiegelglanz und den schwächeren Farbkontrast des verwendeten Mahagonis zwischen einem Rauten- und einem Schachbrettmuster.

schatulle kopie geschlossen

Kopie_geoeffnet

Risszeichnungen:

 

Riss_Vorderansicht

 

riss seite

 

Gesamtmaße:
Abmessungen von Kopie und Original stimmen weitestgehend überein: Höhe 17 cm - Breite 28 cm - Tiefe 15 cm

Schließmechanismus

Die folgende Zeichnung zeigt den einfachen Schließmechanismus für die versteckte Sockelschublade. Im geschlossenen Zustand wird die Schublade von einer Stahlfeder gehalten, deren Federkraft nach oben wirkt und die am losen Ende hakenförmig gebogen ist. Sie schnappt beim Schließen in das eingesenkte Schließblech an der Schublade ein. Dabei wird gleichzeitig die gebogene Stahlfeder durch die anliegende Schubladenrückseite gespannt. Wird der Taster gedrückt, schiebt der Stahlstift den Haken vom Schließblech, und die Energie der vorgespannten Feder bewegt die Schublade schlagartig nach vorn. Die Konstruktion ist sicher von englischen Vorbildern übernommen.

schliessmechanismus

Beschläge mit verdecktem Schlüsselloch dürften ebenfalls nach englischen Vorbildern in der Roentgen-Werkstatt für die frühen Schatullen verwendet worden sein. Ein graviertes keyhole cover escutcheon findet sich z.B. an der frühen Tea-Chest von Johann Friedrich Hintz (London, um 1735-45, vgl. GILBERT, Abb 169), die auch viele andere Merkmale mit den Kästchen der Roentgenwerkstatt gemein hat. Diese mechanisierten Schloßbeschläge sind aufwendig aus Messing- bzw. Bronzeguß nach einer komplizierten Model als Einzelstück oder ganz kleinen Serie gefertigt.

Bei einer Dicke von ca. 5 mm nimmt der Schloßbeschlag in speziellen Aussparungen an der Rückseite einen eisernen, genieteten Umlenkhebel mit Zuhaltung, eine Blattfeder zum Andrücken der Zuhaltung an die Tür und eine weitere Feder zum Öffnen des freigegebenen Türchens auf. Der Stahlstift für das versteckte Auslösen des Türchens ist mittig unten am Beschlag gelagert. Wird der an der Unterseite des Korpus versteckte Knopf gedrückt, dreht sich der Umlenkhebel leicht gegen die anliegende Federkraft der Blattfeder und zugleich wird die Zuhaltung zurückgezogen. Dadurch wird die Tür freigegeben und die vorgespannte Feder öffnet das Türchen. Das Türchen kann von außen gegen die Kraft dieser Feder zugedrückt werden, bis die Zuhaltung wieder einklinkt. Der Vorgang erfordert es, das Türchen und Umlenkhebel leichtgängig und mit wenig Spiel beweglich sind. Für das bündige Schließen der Tür ist eine Nase am Beschlag und eine eingefeilte Einkerbung am oberen Türrand vorgesehen. Den Mechanismus für das Öffnen des verdeckten Schlüssellochs erklärt die folgende schematische Zeichnung.

Covered Keyhole Escutcheon Tea Chests

Es gibt anscheinend mehrere Varianten für die Öffnung der Geheimschubladen und verdeckten Schlösser:

Allen Varianten liegt die beschriebenen Mechanik zugrunde.

 

Entwurf: Abraham Roentgen Manufaktur, Neuwied
Ausführung Nachbau: Karl-Heinz Monshausen, Brühl (2005)

Literatur:

BÜTTNER / WEBER-WOELK / WILLSCHEID [Hrsg.] Edle Möbel für höchste Kreise, 2007
CHIPPENDALE, Thomas: The gentleman and cabinet-maker's director: being a large collection of the most elegant and useful designs of household furniture in the Gothic, Chinese and modern taste. London 1754
FABIAN, Dietrich: Roentgenmöbel aus Neuwied, 1986
GILBERT, Christopher, MURDOCH, Tessa.: John Channon and brass-inlaid furniture 1730-60, Yale 1993
GREBER, Josef Maria: Abraham und David Roentgen. Möbel für Europa, 1980
HUTH, Hans: Roentgen. Abraham und David Roentgen und ihre Neuwieder Möbelwerkstatt, (1928) 1974
JÜNEMANN, Marcus: Ein Kästchen von Abraham Roentgen um 1760/65. Technologische Untersuchungen, Erstellung eines Konservierungs- und Restaurationskonzepts sowie dessen Umsetzung. FH Potsdam 2013 (Diplomrbeit). Digitalversion: http://www.hornemann-institut.de/german/epubl_hochschularbeiten2072.php
KOEPPE, Wolfram et al. [Hg] Extravagant inventions: The Princely Furniture of the Roentgens, (Metropolitan Museum of Art, New York) New Haven: Yale University Press 2012
SWOBODA, Franz: Deutsche Möbelkunst restauriert 1976 -1980. Bildhefte des Städt. Reiss-Museums Mannheim. Mannheim 1981
STÜRMER, Michael / WERWEIN, Erich: Schatullen und Kästchen von Abraham und David Roentgen. In: BRACHERT, Tobias (Hrsg.): Beiträge zur Konstruktion und Restaurierung alter Möbel. Callwey, München, 1986, S. 138-151

 

 

© 2013 by Karl-Heinz Monshausen D-68782 Brühl

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